Olivia, mein Mädchen. Dass du nicht schwach bist, das wusste ich schon immer. Du bist dominant, bis aufbrausend, laut, kannst deinen Gefühlen mit Worten Ausdruck verleihen, kannst dies aber genauso gut nur mit einem Blick. Du bist unheimlich stark, aber dennoch so zart. So sensibel. So sehr, dass du weinst, wenn du die Geschichte von Heidi hörst - weil sie ihren Großvater so vermisst. Du bist traurig, wenn ich vor mich hin schimpfe, weil Tim wieder irgendeinen Blödsinn angestellt hat. Weil ich sauer auf ihn bin, und das lauthals bekannt gebe. Du verteidigst ihn, er sei ja noch klein. Du magst es nicht, wenn jemand - egal wer - über jemanden schimpft, den du liebst. Und es bedrückt dich so sehr, dass dabei dein Kinn wackelt, deine große Augen werden ganz feucht, du schluckst, versuchst finster zu schauen, denn du möchtest stark sein und sagen was du denkst. 

Du hast vor vier Wochen vermutlich unheimliche Schmerzen durchgemacht, hattest Angst, musstest so viel schreien. Und ich konnte dir nicht helfen. Ich konnte dir nur helfen, indem ich da war, ich konnte dir damit helfen, dich von A nach B zu tragen, dich zu unterhalten, dir die vier Wochen einigermaßen erträglich zu gestalten. Aber bewältigen musstest du den Schmerz, die vier Wochen ohne Bewegung, Ängste und Langeweile ganz für dich. Und Olivia, du kleine große Olivia, du hast das geschafft, wie es vermutlich manch Erwachsener nicht schaffen würde. 

Wir haben zusammen geweint, wir haben zusammen gelacht, wir waren zusammen genervt, waren  gelangweilt, sahen kein Weiterkommen, waren verzweifelt und dann wieder glücklich. Über jeden Tag den wir zusammen gemeistert haben. Und jetzt, jetzt liegst du im Bett - meisterst die letzte Nacht mit deinem Gipsbein. Du konntest nicht einschlafen, weil du nicht müde seist, hast du mir erklärt. Aber ich weiß genau, du hast Angst vor morgen. Konntest nicht schlafen vor Aufregung. Vor dem großen Tag. Der Tag, an dem du deinen kleinen Panzer abgibst und nun einfach unheimlich Angst davor hast, ob sich das kleine Schmerzmonster darunter noch verbirgt. Aber, meine liebe Maus, du musst eines wissen: egal wo der Schmerz sitzt, im Bein, im kleinen Finger, im Hals oder irgendwann auch mal im Herzen. Kein Schmerzmonster ist so stark wie du. Und wenn doch, hast du immer ein viel größeres Monster neben dir sitzen. Was dich verteidigt, dir die Hand hält, dich streichelt, böse schaut oder einfach nur mit dir zusammen weint. Dieses Monster, das bin ich. Und wann immer du mich brauchst, welchen Schmerz ich auch immer aus deinem Leben vertreiben muss, ich werde es tun. Denn zusammen - zusammen meistern wir doch alles…

Es liebt dich von ganzem Herzen,
deine Mama.